Menschen 2016: Mitarbeiter einer Herner Sicherheitsfirma retten 41 Menschen (WAZ Herne)

Nicole Hennemann und Sergej Siradze arbeiten für das Herner Unternehmen H2K. Im Frühsommer retteten sie bei einem Brand 41 Menschen das Leben.

Diese Nachricht machte im Mai Schlagzeilen in der Nachbarstadt Gelsenkirchen: Ein verheerendes Feuer vernichtet eine Traglufthalle, in der 41 Flüchtlinge untergebracht sind. Alle Menschen entkommen den Flammen unverletzt – dank des geistesgegenwärtigen Eingreifens des Wachpersonals. Die Menschen hinter diesem nüchternen Begriff, das sind Nicole Hennemann und Sergej Siradze. Sie arbeiten für das Herner Sicherheitsunternehmen H2K ... ... und haben an jenem Montagabend am 10. Mai Dienst. Es ist ein heißer Frühsommerabend, erinnern sich beide. Ihre Schicht, die um 19 Uhr begonnen hat und bis zum Montagmorgen um 7 Uhr dauern soll, verläuft völlig friedlich. „Viele haben draußen Fußball gespielt“, erinnert sich Siradze. H2K ist mit vier Mitarbeitern im Einsatz, zwei in Wachcontainern vor der Halle, zwei halten sich in der Halle auf. Auch Nicole Hennemann ist in der Halle.

 

Die Zeit für die Rettung war äußerst knapp

 

Gegen 21.30 Uhr hört sie Schreie und sieht dann, wie eine riesige Stichflamme aus einem der provisorischen Räume aufschießt und ein Loch in die Kunststoffdecke der Halle schmilzt. „In der ersten Sekunde habe ich gar nicht realisiert, was passiert“, beschreibt die 40-Jährige ihre spontanen Gefühle. Angst sei in ihr aufgestiegen, als sie die Schreie gehört habe, dann habe sie einfach nur noch gehandelt. Ihr Kollege habe den Alarm ausgelöst, sie selbst habe die Feuerwehr alarmiert und sich sofort darum gekümmert, die Menschen aus der Halle zu bekommen. Doch für eine Rettung ist die Zeit äußerst knapp bemessen. Denn die Halle - die etwa die Größe des Bayern-Festzelts auf der Cranger Kirmes hat - wird durch die Luft stabilisiert. Durch das Loch in der Hülle sinkt sie in sich zusammen, außerdem schmilzt die Hülle regelrecht. Sergej Siradze, der vor der Halle Dienst hat, versucht zunächst, das Feuer zu bekämpfen, doch er und seine Kollegen sind mit den Löschgeräten völlig machtlos. Nicht nur das: Der 52-Jährige gerät durch die Hitze selbst in Gefahr. Sie sengt ihm die Haare vom Unterarm.

 

Die Zeit der Rettung fühlte sich wie eine Ewigkeit an

 

Hennemann und Siradze erzählen in der Rückschau, dass es nur etwa zwei Minuten gedauert habe, die Menschen durch die Notausgänge ins Freie zu bringen „Doch die sind mir wie eine Ewigkeit vorgekommen“, erinnert sich Hennemann. Genau wie die Zeit bis zum Eintreffen der ersten Feuerwehrfahrzeuge. Später erfuhr Hennemann, dass zwischen dem Auslösen des Alarms und der Ankunft der Löschzüge nur drei Minuten vergingen. Dass die Rettung trotz der Angst und Panik der Bewohner ohne auch nur einen Verletzten verlief, hatte auch damit zu tun, dass H2K für die Besonderheiten der Traglufthalle eine genaue Dienstanweisung geschrieben hatte.

 

Beide Mitarbeiter haben das Ereignis verarbeitet

 

Erstaunlich: Nach dem Ende der Rettungsaktion setzten die Sicherheitskräfte ihre Schicht fort. Der Grund: Die Bewohner versuchten immer wieder, in das Gerippe der Halle hinein zu kommen, um nach ihrem Hab und Gut zu suchen. Die Schicht endete dann tatsächlich erst um 7 Uhr in der Frühe. Doch für Hennemann und Siradze war das Ereignis damit nicht beendet. „Ich habe lange damit zu kämpfen gehabt, ich hatte immer den Feueralarm im Kopf“, erzählt Hennemann. Bei Sergej Siradze begann das Nachdenken mit ein paar Tagen Verspätung. Mittlerweile, sagen beide, haben sie das Ereignis verarbeitet. Sie sind wieder in einer Flüchtlingsunterkunft im Einsatz.

Quelle: WAZ Herne/ Autor: Tobias Bolsmann